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­Reisen bildet. Ja doch! Und wenn der Zufall Reiseziele bietet, die man noch nicht kennt – je weiter weg von den eigenen eingefahrenen Interessen, desto besser – sollte man auf jeden Fall gleich losfahren.

Ein paar Mal schon konnte ich so den eigenen Horizont in unerwarteter Richtung erweitern. Und was ist nützlicher, wenn man im schönen, aber doch ziemlich kleinen Europa Bücher macht. Dieser Verlag zum Beispiel ist ja leider nur mit einer soliden „Westbindung“ ausgestattet. Das hat nichts zu tun mit politischen Überzeugungen, sondern mit den Sprachen, die hier gesprochen werden – den (west- und nord-)europäischen Mundarten. Sie werden (den unter nicht immer unzweifelhaften Umständen zustande gekommenen Nimbus der sogenannten „Weltsprachen“ einmal abgezogen) in vergleichsweise kleinen Ländern gesprochen, von interessierten Leuten als „Nationen“ bezeichnet, ausgerüstet mit angeblich unwandelbaren Völkern, die sorgfältig gehütete Sprachen reden, und eher unwirsch reagieren, wenn jemand bei ihnen um Einlass bittet. Immer wieder sind sie über sich selbst oder ferne, in der Regel arglose Länder hergefallen, mit besonderer Gründlichkeit in den vergangenen zwei Jahrhunderten, aber auch schon früher. Viele Bewohner dieser giftigen westasiatischen Halbinsel namens Europa halten sie heute noch für den Nabel der Welt.

Da lohnt es sich, die Perspektive zu wechseln und von weit her zu blicken. Europa wird dann kleiner als es sowieso schon ist und verschwindet für einen Moment hinter dem Horizont.

Vor zwei Jahren fragte eine gute Freundin, ob wir Lust hätten, mit ihr und ein paar Freunden drei Wochen durch die Mongolei zu reisen. Wir – meine Frau Petra und ich – haben so schnell ja gesagt wie vor vierzehn Jahren, als unser Autor Héctor Abad fragte, ob wir ihn in Medellín besuchen wollten und viele Freunde die Hände über dem Kopf zusammen schlugen, ob wir noch bei Trost seien – Kolumbien! mit zwei Kindern! Auch dort ist Europa weit weg. In einer der über Medellín schwebenden Seilbahnen begegnete uns ein freundliches Ehepaar, das wissen wollte, was für eine interessante Sprache wir untereinander sprächen. Deutsch, Deutschland, davon hatten sie noch nie gehört.

In der Mongolei gerät Europa sowieso schnell in Vergessenheit. Andere Dinge sind hier von Bedeutung: Jurten, Pferde, Russen, Chinesen, nicht zuletzt auch Fragen des landesüblichen Buddhismus. Und Dschingis Khan, nach dem Flugzeuge und Flugplätze benannt sind und der als Vorzeigedemokrat vor dem Parlament von Ulaan Baatar thront. Zum Glück hatten wir eine Reiseleiterin, Elvira, die uns nicht nur die Wüste Gobi und die Mongolei erklären konnte, sondern auch den Buddhismus und vieles mehr.

Elvira Friedrich verdient ihren Lebensunterhalt mit hervorragend organisierten Reisen in ferne Länder, auf denen man kulturell und geographisch viel erleben und lernen kann. Man kann mit ihr durch die Mongolei reisen, aber auch durch Usbekistan mit den islamischen Traumstädten Samarkand und Buchara, oder nach Indien. Sie ist promovierte Indologin, und auf eine von ihr geleitete Reise, die uns von Kalkutta nach Delhi durch den indischen Norden führen sollte, hatten wir uns schon gefreut. Dann kam das Virus, und als kleinen Trost für einen versiegten Teil ihres Lebensunterhalt haben wir in unserer Paperback-Reihe ein Buch wieder aufgelegt das Elvira vor über zwanzig Jahre schrieb, über ein Thema, das heute mehr denn je in aller Munde ist. Sein Titel: „Yoga. Wege zur Unabhängigkeit“.

Neulich haben sich indische Wissenschaftler und Yogalehrer zu Wort gemeldet und das, was inzwischen in der ganzen Welt unter der Bezeichnung Yoga verkauft wird, als cultural appropriation bezeichnet. Das lässt sich nachvollziehen, wenn man dieses in einer sorgfältig überarbeiten und neu eingeleiteten Neuausgabe soeben erschienene Buch liest. Es macht nicht nur mit den Grundlagen des Yoga vertraut. Man kann nachlesen, wie die philosophischen und anthropologischen Grundannahmen, die dem heutigen Yoga zugrundeliegen, zu einer Zeit entworfen wurden, als in Europa noch nicht viel gedacht, so gut wie gar nichts aufgeschrieben, geschweige denn Yoga betrieben wurde. Die Indienreise haben wir verschoben.

Auch von Istanbul aus gesehen ist Europa eher ein Abglanz – allerdings für viele junge Menschen in der Türkei wie auf der ganzen Welt, und aus verschiedenen Gründen, ein Sehnsuchtsort. Was in Istanbul – sicher eine der schönsten Städte überhaupt – wirklich wichtig ist und den Menschen dort am Herzen liegt, das kann man von Christiane Schlötzer erfahren, die ihre Jahrzehntelange Arbeit als Korrespondentin für die „Süddeutsche Zeitung“ mit einem Buch gekrönt hat, das soeben bei uns erschienen ist: „Istanbul – ein Tag und eine Nacht. Ein Porträt der Stadt in 24 Begegnungen“.

Während ich es durchgesehen habe, bin ich immer wieder per Google Earth (eine schöne Erfindung!) auf den Spuren der Autorin und ihrer vielen türkischen Gesprächspartnerinnen gelaufen – den Bosporus hinauf, hinunter, durch Karaköy, auf die Prinzeninseln, auf die asiatische Seite und zum Gefängnis nach Silivri, wo Erdoğan einsperrt, wer ihm nicht passt. Unversehens aber landet man, geführt von den manchmal atemberaubenden Lebensläufen dieser türkischen Menschen, auch in Antakya, in Südostanatolien, am Schwarzen Meer oder an der Ägäis. Überhaupt sind Lebensläufe oft ein Reiseleiter wie man ihn nicht besser, weil in unerwartete Richtungen zielend, auch für die eigene sowieso doch immer recht vorläufige Orientierung gebrauchen kann. Auch das zeigt dieses großartige Buch, das sich als eine Gebrauchsanweisung nicht nur für die Stadt, sondern auch und vor allem für den Umgang mit ihren Bewohnern liest.

Vor kurzem ist leider Michael Stolleis gestorben. Mit ihm bin ich vor Jahren über einen See in den Alpen geschwommen bin und wir haben uns dabei – hin und zurück – ununterbrochen unterhalten. Auch auf dem wandernden Hin- und Rückweg. Es war alles zu klug, zu interessant, was er zu sagen hatte und zu denken gab, um still vor sich hin zu schwimmen. Michael Stolleis war Jurist, Direktor des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie in Frankfurt. Vor allem aber war er das, was man früher als „allseits gebildete Persönlichkeit“ bezeichnete und heute seltener zu finden ist. Nicht nur Rechtsgeschichte hat er geschrieben. Eine große, kenntnisreiche Leidenschaft verband ihn auch mit der Literatur – Johann Peter Hebel zum Beispiel verstand er zu deuten wie niemand sonst.

Vor Jahren schickte er mir das Manuskript eines Buchs. Geschrieben hatte es eine Frau, die er bei den Jahrestagen der Max-Planck-Direktoren kennen gelernt hatte, wo sie (wie sie selbst es mir erzählt hat) unter anderem dafür zuständig war, dass die Professoren nach getaner Arbeit wieder in die richtigen Mäntel schlüpften, sowie für das Protokoll. Diese Protokolle würde ich gerne mal lesen, denn Michael Stolleis fragte sie nach der Lektüre, ob sie Schriftstellerin sei.

Sie war es und sie ist es. Von Christine Wunnicke sind in diesem Verlag schon ein paar ziemlich epochale Romane erschienen. Den ersten – denn ein Roman war auch das schon, obwohl wir es noch nicht kapierten und ihn erstmal falsch verpackten – kennen Sie vielleicht. Es heißt „Selig & Boggs. Die Erfindung von Hollywood“, wurde uns vor Jahren von Michael Stolleis zugeschickt und ans Herz gelegt und erschien im klassischen, allerdings für dieses Buch viel zu großen Format. Erzählt wird darin von einem Dorf namens Hollywood und warum der ewig blaue Himmel über Los Angeles fürs Filmen besser ist als das ewig schlechte Wetter in Chicago. Jetzt können Sie es im handlichen Paperback-Format lesen (und verschenken), in dem schon Wunnickes Novelle „Nagasaki ca. 1642“ erschien.

Ich habe keine Ahnung, wie Europa von Kalifornien aus betrachtet wirkt. Und von Nagasaki? Naja, lassen wir das. Reisen Sie doch einfach schon mal mit unseren neuen Büchern.

Ihr
Heinrich von Berenberg
Christian Schulteisz erhält den Thaddäus-Troll-Preis 2021

Christian Schulteisz wird für seinen Debütroman »Wense« mit dem Thaddäus-Troll-Preis 2021 ausgezeichnet. Wir freuen uns und gratulieren sehr!

Die Jury schreibt: »Christian Schulteisz spinnt das Wahre weiter und erdichtet dazu plausible Begegnungen. Diese Mischung aus verbürgter Wirklichkeit und Fiktion ist ein stattlicher Aufwand, der durch stilistischen Schliff und humorvolle Frische gelingt. Schulteisz verdichtet ein Leben zu einer poetischen Expedition: eine große und großartige Erzählung.«

Der Thaddäus-Troll-Preis wird als Landespreis für Literatur jedes Jahr durch den Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e. V. öffentlich verliehen. Der Preis ist nach dem Schriftsteller und Vereinsmitgründer Thaddäus Troll (eig. Hans Bayer) benannt und wird an »jüngere, qualifizierte, aber noch wenig bekannte Autoren« vergeben. Derr »TT-Preis« ist mit 10.000 Euro dotiert. Vorwiegend werden AutorInnen ausgezeichnet, die ein Arbeitsstipendium durch den Verein erhalten haben und ein abgeschlossenes Manuskript oder Buch vorlegen können.
Bettina Baltschev erhält den Seume-Literaturpreis 2021

Für ihr Buch »Am Rande der Glückseligkeit. Über den Strand« erhält Bettina Baltschev den Johann-Gottfried-Seume-Literaturpreis 2021. Wir freuen uns sehr und gratulieren unserer Autorin aufs Herzlichste!

Der Preis zeichnet Werke mit einem gesellschafts- und kulturkritischen Ansatz – dem Geiste Seumes folgend – aus, die mit ihrer inhaltlichen und sprachlichen Qualität überzeugen. Aus der Begründung der Jury:

»Ausgezeichnet wird mit ›Am Rande der Glückseligkeit‹ ein Buch, in dem sich die Autorin an den tatsächlichen wie metaphorischen Grenzlinien unserer Erde bewegt: Der Strand signalisiert nicht allein den Übergang zwischen Land und Wasser, sondern wird, wenn er wie hier von Bettina Baltschev genauer betrachtet wird, zum Brennglas auf politische Ereignisse und historische Prozesse. (…) Der Autorin ist in dem Zusammenhang zu danken, sie hat sehr gut recherchiert, was sie uns berichtet hat damit aufklärerische Elemente, ganz ohne Unterton, mit vielen überraschenden Details und damit ganz im Sinne Seumes.

Bettina Baltschev erzählt all das in literarisch kunstvoller Sprache, erzählt interessant und zugleich, gerade was die literarischen Streifzüge betrifft, maßvoll und verbindet mit weitem Blick Erlebtes wie Erfundenes.«

Lesen Sie hier die vollständige Begründung. Der Preis ist mit 3.000 € dotiert, die Preisverleihung findet am 4. Dezember 2021 in Grimma statt.
»Kramp« auf Platz 1 der Weltempfänger-Bestenliste

María José Ferradas Roman »Kramp« steht im September auf Platz 1 der Litprom-Bestenliste Weltempfänger. Die Begründung von Anita Djafari:

»Jeden Tag ein Dorf: das Programm des Vertreters für Eisenwaren der Marke Kramp. Die Siebenjährige begleitet ihren Vater und lernt fürs Leben statt in der Schule. Das funktioniert prima, aber nicht lange. Im Hintergrund lauern die Gespenster, wir sind in Chile Anfang der 1980er Jahre. Ein kurz und knapp und federleicht erzähltes Juwel.«