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Adania Shibli für den Internationalen Literaturpreis nominiert

Zum vierzehnten Mal verleihen das Haus der Kulturen der Welt und die Stiftung Elementarteilchen den Internationalen Literaturpreis. Dotiert mit 35.000 € – 20.000 € für Autor:in, 15.000 € für Übersetzer:in – zeichnet er ein herausragendes Werk der internationalen Gegenwartsliteratur in deutscher Erstübersetzung aus. Er würdigt in dieser Allianz sowohl Originalwerk als auch Übersetzung. Dieser doppelte Fokus macht ihn in der deutschen Preislandschaft einzigartig. Für ihre Shortlist-Nominierung erhalten alle anderen Autor:innen und Übersetzer:innen jeweils 1.000 €.

[Über »Eine Nebensache« von Adania Shibli, übersetzt von Günther Orth, schreibt die Jury, hier vertreten von Verena Lueken:]

»Wie kann über Gewalt geschrieben werden, ohne sie zu verdoppeln, zu verniedlichen oder sich ihr anzuschmiegen? Eine Antwort gibt Adanias Shiblis Buch Eine Nebensache: nicht durch Beschreibung eines Schreckens, wie einer Vergewaltigung im Krieg, um die es hier geht, sondern durch Auslassung, Leerstellen, durch die detaillierte Evokation der Umstände, der Topografie, des Wetters, der Umgebung der handelnden Figuren. Adania Shibli schreibt mit einer radikalen Härte und äußerster Furchtlosigkeit. Die Leere, die das geschändete Mädchen im Zentrum umfasst, erzeugt für die Leserin einen Sog in den Abgrund dieser Geschichte. Kein Kitsch, kein Misery Porn, kein Melodram, sondern ein genauer Blick, eine genaue Rekonstruktion, reduziert in den literarischen Mitteln, karg fast und von erschütternder Intensität. Eine Antwort auch auf die Frage, worüber wir sprechen, wenn wir vom Krieg sprechen, und welche Aufgabe möglicherweise die Literatur dabei haben kann. Zum Beispiel zu verhindern, dass Grausamkeit im sprachlichen Klischee erstarrt. Da, wo Gewalt herrscht, wird keine Versöhnung wachsen. Literatur kann nur, aber immerhin dies: genau hinsehen und erzählen, was war.«

Welches Duo aus Autor:in und Übersetzer:in den Preis erhält, wird im Rahmen der Preisverleihung am 22. Juni 2022 im Haus der Kulturen der Welt bekannt gegeben.
Verlegerpost: Am Strand von Amsterdam

Über „Am Rande der Glückseligkeit. Über den Strand“ von Bettina Baltschev

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Als ich in den siebziger Jahren in Hamburg studierte, bin ich zwei Mal mit einem Freund und unserem Professor im VW, und als einziger mit Führerschein, nach Amsterdam gefahren. Alles ging gut. Man fuhr zu jener Zeit notfalls auch nonstop nach Venedig oder Barcelona.

Unser Ziel war ein Haus an der Herengracht, das Instituut voor Sociale Geschiedenis, in dem Schriften und Dokumente des großen und zu jener Zeit ungeheuer gegenwärtigen Kosmos des sozialistischen und kommunistischen Schrifttums in Europa aufbewahrt werden. Das Institut existiert nach wie vor, aber leider nicht mehr an der schönen Gracht. Das damalige Gebäude wurde zu klein für das weltberühmte Archiv, das laut Wikipedia u. a. die größte Sammlung handschriftlicher Nachlässe von Karl Marx und Friedrich Engels beherbergt und bis heute ein für die Geschichte der sozialistischen und Kommunistischen Internationale, ihre literarischen und dokumentarischen Hinterlassenschaften heiliger Ort ist.

Wir wollten dort unsere Studien zu Brechts Lehrstücktheorie durch die Einsicht in Dokumente und Bücher befeuern, die man zu jener Zeit noch nicht online bestellen konnte. Man musste hinfahren. Und das machte Spaß. Immerhin ließen sich solche Studien nicht im Zeitraum von ein paar Stunden erledigen, man musste die Dokumente im Katalog suchen, bei den angestellten Kollegen nachfragen und hoffen, dass nicht jemand anders, womöglich sogar ein deutscher Konkurrent, sich damit beschäftigte. Die Wartezeiten waren leicht zu überbrücken. Verließ man das Institut, befand man sich mitten in einer der schönsten Altstädte Europas. Kneipen und Cafés gab es zuhauf. Und auch mit wenig Geld konnte man exzellent essen und mit indonesischen Reistafeln nicht nur kulinarisches Neuland betreten, sondern auch erfahren, wie Kolonialismus schmeckt.

Die Freaks von Amsterdam sahen abenteuerlicher aus als die in Hamburg, die Feministinnen nannten sich Dolle Minas, und die Stadt wirkte entspannt und befreiend im Vergleich zum in jeder Hinsicht angespannten politischen Klima der bundesdeutschen siebziger Jahre. Was ich damals nicht wusste: Die Amsterdamer Stadtverwaltung, nicht so einverstanden mit dem bunten Volk, das die Altstadt um Prinsen-, Keizers- und Herengracht belebte, trug sich mit einem Plan: Warum nicht einfach die Grachten zuschütten und in Autostraßen, ja, ganz Amsterdam in eine vorbildlich autogerechte Stadt wie, sagen wir, Frankfurt am Main verwandeln? Endlich morsches Mittelalter und Renaissance beerdigen und die Stadt anständig versiegeln und für jenes strahlend zukunftsfähige Phänomen namens Automobil einrichten?

Von dieser Utopie erfuhr ich, als ich vor ein paar Jahren nach langer Zeit wieder mal in Amsterdam war. Anlass war eine Veranstaltung im Goethe-Institut zu einem bei uns erschienenen Buch von BETTINA BALTSCHEV: „Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur“. Viele Amsterdamer waren gekommen, denn es ging um ihre Stadt, in der in den dreißiger Jahren ein Großteil der von den Deutschen vertriebenen Gegenwartsliteratur erschien, wofür die Namen der Verlage Querido und Allert de Lange stehen. Davon und von den vielen Spuren, die das im heutigen Weichbild der Stadt hinterlassen hat, geht es in Bettinas Buch. Es ist nach wie vor ein idealer Reisebegleiter für alle, die nach Amsterdam reisen wollen, um sich etwas mehr zu gönnen als immer nur Grachten, Giebel, Gras und Bier, die auch den Spuren der jüngeren Vergangenheit nachgehen möchten, deutsch-jüdischen Lebensläufen, glücklichen und tragischen, die ihren Abdruck im Stadtbild hinterlassen haben. Darüber sprach Bettina Baltschev im Goethe-Institut, anlässlich der holländischen Übersetzung ihres Buchs.

Bettina Baltschev, so könnte man sagen, schreibt „Reiseliteratur“. Das ist ein Genre, das in Deutschland, einer literarisch einigermaßen gebildeten, immer wieder auch recht eingebildeten Gegend, eher belächelt wird. Worüber man jenseits der Grenzen ebenfalls nur lächeln kann. Reiseliteratur, Travel Literature, gilt nicht nur in Großbritannien und den USA als absolut erstklassiges Genre. Und ja, auch in der deutschsprachigen Literatur finden sich ja schließlich ein paar Juwelen. Nicht nur der olle Fontane oder der noch viel ollere Seume, nein, auch Heinrich Heine war ein großartiger Reiseschriftsteller, und Wolfgang Büscher hat gezeigt, dass auch in der Gegenwart dieses Genre großartige Blüten treiben kann. Und Bettina Baltschev?

Schon ihr Amsterdam-Buch ist Reiseliteratur der besonderen Art. Dass Reisen, wenn es bildet, auch politisch bildet, konnte man hier lesend erleben. Ihr neues Buch heißt „Am Rande der Glückseligkeit. Über den Strand“. Und weil der Strand eine im engeren Sinne europäische Erfindung ist, weil Europa nicht nur schön, sondern bis heute, wo immer man herum läuft, mit historisch-politischen Nebenwirkungen aufwartet, wenn man ein Gespür dafür hat, sollte dieses Buch nicht fehlen, wenn man in Ischia und Hiddensee, aber auch in Scheveningen, in Brighton oder im belgischen Ostende sein Glück am Strand sucht.

Es gibt in Bettina Baltschevs Buch viele Kapitel, nach deren Lektüre man sofort aufbrechen möchte. Und es gibt auch solche, aus denen der Strand nicht nur als idyllisches oder romantisches Plätzchen hervorgeht. Faszinierend ist, was sie aus Benidorm berichtet, wo man den an sich löblichen Versuch unternommen hat, so viele Touristen wie möglich in einer platzsparenden gigantischen Hochhaussiedlung unterzubringen, um das Land drum herum zu schonen. Gelungen ist das nicht ganz, denn die Gräueltaten der Immobilienindustrie kann man in Spanien heute nicht nur in Benidorm bestaunen, sondern im Grunde von Cadaqués bis Gibraltar. Bei der Verwüstung der einst einsam archaischen Mittelmeerinsel Ibiza tun sich, wie mir der dort geborene und immer noch ansässige Freund und Autor Vicente Valero berichtet, besonders niederländische Immobilienkonzerne hervor.

Auch zwei Strände mit einer gehörigen Ladung Zeitgeschichte hat sie besucht: Lesbos, Trauminsel in der Ägäis, wo Europa seine Flüchtlinge zweiter Klasse, die aus Syrien und Afrika, vergisst. Und Utah Beach in der Normandie, nicht weit von den Stränden vor Trouville und Deauville, Prousts Balbec, wo 1944 junge Menschen zu tausenden mit dem Leben bezahlen mussten, für den zum Glück gelungenen Versuch, Europa von den Deutschen zu befreien.

Dafür ist sie auf der Shortlist des Deutschen Sachbuchpreises gelandet, nachdem sie im vergangenen Jahr bereits den Seume-Preis bekam, dessen Verleihung der Pandemie halber auf den 11. Juni dieses Jahres verschoben wurde. In Grimma wird sie stattfinden, wo Seume im Verlag seines Freundes Göschen arbeitete, bevor er 1801 zu seiner Wanderung nach Sizilien aufbrach. 1802 kehrte er zurück und schrieb darüber auch eines der berühmteren unter den Reisebüchern der deutschen Literatur.

Bevor er nach Italien wanderte, war er für damalige Verhältnisse auch schon weit herumgekommen, und durchaus unfreiwillig. Als Achtzehnjährigen schnappten ihn sich kurhessische Soldatenwerber, vermieteten ihn an die Briten für den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, und als er glücklich wieder in Deutschland gelandet war, kamen die uniformierten Sendboten des Preußenkönigs Friedrich, aus unerfindlichen Gründen bis heute der Große genannt, und zwangen ihn nochmals zu vier Jahren Kriegsdienst. Er muss ein stabiles Gemüt besessen haben, dieser junge Mann, der so viel zu Fuß ging. Über den erfolglosen Versuchen, für die sinnlos beim Militär vergeudeten Jugendjahre nachträglich eine Pension zu ergattern, ist er leider schon früh gestorben.

Jetzt kommt die warme Jahreszeit. Für Reisen in diesem schönen, von Literatur und Geschichte manchmal vielleicht etwas übersättigten Kontinent ist Bettinas Buch ein idealer Begleiter. Es lockt – Literatur und Geschichte inbegriffen – mit Stränden, an denen man sich vor allem verlieren kann. Nicht schlecht in diesen reichlich seltsamen Zeiten.

Ihr
Heinrich v. Berenberg

PS: Das Buch wird momentan nachgedruckt und ist bald wieder überall erhältlich!